DAS BEKLEMMENDE IST NICHT, DASS WIR AUS DEN RÄUMEN GEWORFEN WURDEN, SONDERN DASS WIR UNS SO ALLEIN FÜHLEN
Wie bitte? Wie kommt denn ein solcher Titel zustande? Ganz einfach. Der ungefragte Schirmherr für das Studienprojekt III der Hamburger Theaterakademie heißt Einar Schleef. Das Werk und die Biografie dieses singulären Künstlers, der über drei Jahrzehnte als Autor, Regisseur, Maler und Bühnenbildner die deutschsprachige Theater- und Literaturszene überraschte, überforderte und nachhaltig veränderte, bilden die inneren Bezugspunkte für die Arbeiten der jungen Regisseurinnen und Regisseure. Mit Schleef haben sie sich auf die Suche gemacht nach Stoffen und Texten, haben beglückt oder ablehnend auf die Maßlosigkeit in Schleefs Denken und Handeln reagiert: auf die maßlose Wut und Einsamkeit des Außenseiters, den maßlosen Kampf um die Abkehr vom Elternhaus und die maßlos unvollendete Suche nach künstlerischen Ausdrucksformen für solche Empfindungen, die jeden Rahmen sprengen. Gemeinsam mit Schleef haben sie Möglichkeiten entdeckt, die konflikthafte Verwandtschaft von Solosänger und Chormitglied neu zu hinterfragen. Und genau diese Unentschiedenheit ist es auch, die den Protagonisten der von den Studierenden ausgesuchten Stücke den Boden unter den Füssen entzieht. Sie heißen Philoktet, Woyzeck, Don Quichotte, Erika, Parzival und die junge Frau, die ihren Namen erst noch finden muss.. Und gemeinsam halten sie - obwohl sie sich in Vielem überhaupt nicht ähneln - einen Schriftzug in die Höhe: DAS BEKLEMMENDE IST NICHT, DASS WIR AUS DEN RÄUMEN GEWORFEN WURDEN, SONDERN DASS WIR UNS SO ALLEIN FÜHLEN
Ein Studienprojekt der Theaterakademie Hamburg, Hochschule für Musik und Theater in Kooperation mit der Bühnenraumklasse der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, den Fachbereichen Gestaltung/Kostümdesign und Medientechnik der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Kampnagel Hamburg und dem Thalia Theater.
Dozenten: Christiane Pohle (Regie), Raimund Bauer (Bühne), Constanze Schuster/Reinhardt von der Thannen (Kostüme), Malte Ubenauf (Dramaturgie), Dirk Hermeyer (Technik)
FREITAG, 07.05.2010, UND SAMSTAG, 08.05.2010, IN K2:
Don Quijote von der Mancha
nach Miguel de Cervantes in der Übersetzung von Susanne Lange
„Ich kämpfte den Kampf gegen die Windmühlen. Jetzt habe ich mich aus dieser Welt zurückgezogen. Meine Abenteuer sind nur noch Legende.“ Don Quijote ist Vergangenheit. Was bleibt von ihm? Was bleibt von seinem Kampf für die Goldene Zeit? Als Unterhaltung beiseite gelegt, ruht er in den Bibliotheken Europas. Da taucht ein Fragment von seinem Testament auf und gibt Hoffnung. Sein Vermächtnis. Eine Landkarte in eine andere Wirklichkeit. Für ihn. Für seine Weggefährten. Für uns alle.
Mit: Ben Daniel Jöhnk, Benjamin Morik, Tobias Vietzke, Martin Winkelmann Regie: Paul-Georg Dittrich Bühne: Kathrine Altaparmarkov Kostüm: Annika Lischewski
Sound Design: Christophe Stoll Grafik: Alexej Hermann Dramaturgie: Benjamin Eggers
Aufführungsrechte. Hanser Verlag
Messer in Hennen
von David Harrower
Seine Welt ist da, vor meinen Augen. Jeder Tag gleicht dem anderen. Eingebunden in eine Dorfgemeinschaft, in der Aberglaube und Gerüchte Gut und Böse definieren, beackern der Pflüger William und seine Frau ein Stück Land. Er erklärt ihr die Welt und verweigert sich ihren Fragen. Sie darf sich nicht wundern, muss funktionieren. Es ist ein festes Regelwerk, ein totalitäres System. Bis die junge Frau dem Müller Gilbert begegnet. Von der Dorfgemeinschaft geächtet, lebt er abgeschieden in seiner Mühle. Ihn umgibt ein Geheimnis, das die Welt der jungen Frau verändert, indem es sie sichtbar macht
Mit: Vanessa Czapla, Christian Bayer, Marco Mehring Regie: Babett Grube Bühne: Doris Margarete Schmidt Kostüm: Judith Szillus
SAMSTAG, 08.05.2010, UND SONNTAG, 09.05.2010, AUF DER P1:
wund.es.heim. innen/nacht - ein projekt
"zuhause das sind die eltern, der vater/die mutter/der schulweg/das kino/die dörfer/ das gestrüpp und die stadt/die man sein leben lang nicht los wird-/nie mehr zurück/das verwinden, fliehen bis man ein eigenes zuhause hat/was einen erstickt und auffrisst"- (einar schleef)
ausgehend von schleef, definiert das projekt zu/hause als wunde, als ort des mangels, der zurichtung und der sehnsucht. versteht man zu/hause als metapher für zugehörigkeit, dann entsteht die wunde durch den verlust. wund.es.heim untersucht anhand des tragischen gegensatzpaars ich/chor die ambivalenz des zu/hauses: die notwendigkeit der aufgabe des ICH ́s auf der suche nach zugehörigkeit und die angst vor seinen verlust.
mit: cornelia dörr, bastian dulisch, marion martienzen, marie seiser und einem chor des hamburger schauspielstudio frese regie: gernot grünewald bühne: nane blattner
masken/objekte und kostüme: clara bosch dramaturgie: hannah kowalski musik: nora hillen
WOYZECK
nach dem Fragment von Georg Büchner
„Was ist der Mensch? Staub Sand Dreck.“ - „Ja wohl.“ Woyzeck steht eine einzige Replik zu. Nicht mehr. Nicht weniger. Einer tritt heraus und findet keine Ruhe mehr. Einer tritt heraus und sucht nach einer neuen Sprache, die ihn immer zu verrät. Immer zu, immer zu dreht sich die Welt weiter, die Welt, aus der er doch heraustrat. Oder muss er erst noch heraustreten? Gesucht: die Lücke im Ablauf, das Andere in der Wiederkehr des Gleichen, das Loch in der Ewigkeit, der vielleicht erlösende FEHLER* Gesucht: Was spricht da? Kurz und gut: Ich lad euch ein teilzunehmen an meinem Streit.
*– Heiner Müller, Bildbeschreibung
Mit: Julia Goldberg, Sebastian Moske, Gael Roth, Jan-Friedrich Schaper, Lukas Vögler, Christian Wendt Regie: Ivna Zic Bühne: Martina Mahlknecht
Lieber Philoktet, Am Anfang war der Biss der Schlange. Einer musste ihn auf sich nehmen, du hast es getan. Dein Opfer hat dich vom Helden zum Verwundeten gemacht. Du lähmtest uns. Deine Schreie hinderten unser Fortkommen. Deine Wunde stank. Deswegen mussten wir dich loswerden, haben dich in Quarantäne, ins Exil geschickt. Dort fristest du deine Zeit, umgeben nur von Geiern und deiner Wunde, die dich nicht vergessen lässt. Heute brauchen wir dich wieder. Wir wissen - nur mit dir fällt Troja, nur mit dir an unserer Seite bleiben unsere Städte stehen. Das Ganze liegt in deinen Händen. Komm mit uns, opfere dich noch einmal, wir werden es dir danken. Philoktet. Sonst müssen wir dich holen. Dein Hass kann nicht mehr wert sein als unser Leben. Dein Odysseus.
Mit: Isabell Giebeler, Benedikt Greiner, Wiebke Mollenhauer, Natalia Rudziewicz, Jakob Leo Stark Regie: Christopher Rüping Bühne: Jonathan Mertz
Kostüm: Marlene Dechau Dramaturgie: Christoph Macha
Aufführungsrechte: henschel schauspiel theaterverlag berlin gmbh